HENRIKE SUPIRAN

Für den naiven und schüchternen Bruno wird die Begegnung mit der attraktiven Angela zur entscheidenden Wende in seinem bisher ereignislosen Leben. Das Glück der Beiden scheint vollkommen. Bald aber machen sich bei der jungen Frau irritierende Verhaltensauffälligkeiten bemerkbar, die immer mehr in eine desaströse Persönlichkeitsentwicklung abgleiten. Trotz aller medizinischer Bemühungen stehen die Beteiligten – Mann, Kind, gesamtes familiäres Umfeld – dieser menschlichen Katastrophe schließlich hilflos und ratlos gegenüber. 

Henrike Supiran beschreibt in ihrem dritten Buch eindrucksvoll und mit analytisch-klinischem Blick eine Krankheitskarriere, die ihr auslösendes Moment vielleicht einem furchtbaren Kindheitserlebnis verdankt, wie es in seiner tragischen Konsequenz in unserem wirklichen Leben immer wieder vorkommt. 

Ein Buch, einem authentischem Fall nacherzählt, geschrieben hart an der Realität und mit großer auktorialer Empathie.

Rezension aus "Durchblick" vom 17. März 2016 (Rolf Dammel)
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Bei der Lesung meines dritten Buches "Randständig" am 29. Juni 2016 im Kunstverein Lingenfeld 

Bei der Lesung "Randständig" am 29. Juni 2016 im Kunstverein Lingenfeld

 

Gute Butter
Die 50er Jahre

Aus der Distanz eines halben Jahrhunderts, vielleicht auch bedingt durch die sich verändernden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, haben viele Menschen das Bedürfnis, zurück zu schauen und sich an die "goldenen Fünfziger" - die oft alles andere als das waren - zu erinnern. Es besteht eine große Bereitschaft, über die Nachkriegszeit und das Leben in diesem Jahrzehnt nachzudenken.

So entstand die Idee nachzufragen, wie Menschen, die damals Kinder und Jugendliche waren, diese Zeit erlebt haben - mit dem Ziel, im Gedächtnis zu bewahren und weiterzugeben, was sonst unwiederbringlich verloren wäre.

Das Buch maßt sich nicht an, ein vollständiges Bild der 50er Jahre wieder zu geben. Vielmehr schildert es in sehr persönlichen Kurzbiografien die Erinnerungen von 14 Frauen und 6 Männern an jene Zeit; es ist der Versuch einer behutsamen Annäherung an Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen mit dem Bemühen, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. 

Die Antworten von 20 Interviewpartnern auf etwa achtzig Fragen sowie die Gespräche, die daraus entstanden, wurden auf Tonband aufgezeichnet und in vierzehn Kapiteln zusammengefasst. Fast alle Teilnehmer stellten darüber hinaus Fotografien aus ihrem Privatbesitz zur Verfügung. Vor den Lesern breitet sich so eine Wirtschafts-, Kultur- und Sozialgeschichte aus, die eigene Erinnerungen herauf beschwört und die selbst erlebten Erfahrungen berührt.

Die Zeitzeugen erlauben einen bewegenden Einblick in ihre ebenso subjektiven wie unterschiedlichen Perspektiven auf eine Zeit, die aus Trümmern auferstanden ist, in der sie sich in hartem Existenzkampf und großer Not ein neues Leben aufzubauen versuchten. Geprägt von Energie, Fleiß, Aufbau-Euphorie und Lebenshunger auf der einen, Entbehrung, Armut und Existenzsicherung auf der anderen Seite sind die 50er Jahre ein Jahrzehnt des Aufbruchs und die Geschichte einer Generation: persönlich als Hineinwachsen ins Erwachsenenalter; materiell als Erfahrung von Sicherheit und Wohlergehen; ideell als Ausbruch aus unterwürfigem Gehorsam gegen Autoritäten, aus geistiger Enge, kleinbürgerlicher Normen. 

Das kulturelle Niemandsland, das der Krieg aus Deutschland gemacht hatte, wird neu belebt. Die Generation der 50er Jahre tastete sich in eine neue Wachheit und Freiheit, deren wirklichen Durchbruch sie allerdings erst im folgenden Jahrzehnt erlebte.

 

  1. Gefallen − Vermisst − Gefangen − Kriegsversehrt: Unsere Väter
  2. Wir haben alles verloren: Ausgebombt − Geflüchtet − Vertrieben
  3. Nahrung − Kleidung − Ein Dach über dem Kopf
  4. Starke Frauen − Schwaches Geschlecht: Unsere Mütter
  5. Spielen − Lernen − Arbeiten
  6. Freizeit − Ferien − Reisen
  7. Unterhaltung
  8. Feste und Feiern
  9. Kunst
  10. Gesundheitswesen
  11. Endlich wieder mobil
  12. Ein Jahrzehnt der Tabus
  13. Vergangenheitsbewältigung
  14. Das "goldene Jahrzehnt"
  15. Die Zeitzeugen

 

Die Gesprächspartnerinnen und -partner kommen aus allen Teilen der Pfalz, einige auch aus Speyer. Sie entstammen ganz unterschiedlichen Berufsgruppen, wie zum Beispiel Akademiker und Hausfrauen, Architekten und Landfrauen, Angestellte, Geschäftsleute und Redakteure, Sekretärinnen und Buchhändler. 

Ihre Geburtsjahrgänge umfassen die Jahre 1924 bis 1950. Einige haben die 50er Jahre als Jugendliche mit präzisen Erinnerungen und Eindrücken erlebt, andere als Kinder, die ihr Umfeld und die Geschichte mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und gespeichert haben.

Zeitzeugen

  • Katharina B. [1950] Maria A. [1948] Helena Q. [1946]
  • Juliane S. [1946] Barbara F. [1944] Gisela H. [1944]
  • Karla L. [1944] Brigitte Sch. [1943] Hartmut C. [1943]
  • Irmgard B. [1943] Peter Sch. [1943] Ursula Sch. [1942]
  • Gerd L. [1941] Marianne P. [1939] Peter U. [1937]
  • Dietlind J. [1933] Heinrich Sch. [1930] Helga M. [1929]
  • Annelie K. [1928] Johann P. [1924]

 

 

Schlagschatten

Mit ihrem Erstlingswerk legt Henrike Supiran einen in seiner Offenheit und nichts beschönigenden Rückschau außergewöhnlichen Frauenroman vor. Sie schildert in einer streckenweise lakonisch klingender Sprache, ohne Nostalgie und ohne den Versuch, die Ereignisse von damals angestrengt zu psychologisieren, den Zerfall einer vom Wohlstand der Wirtschaftswunderzeit geprägten Arztfamilie in einer Kleinstadt, die Einsamkeit und Sprachlosigkeit angesichts der Zerrüttung der Eheleute.

Die heranwachsende jüngere Tochter wird in die Auseinandersetzungen der Eltern mit einbezogen, der Haß des Vaters auf die Ehefrau entlädt sich in gewaltigen, blindwütigen Attacken gegenüber dem Mädchen. Auf dem mühsamen Weg durch die Pubertät bleibt sie sich allein überlassen, erlebt eher Gleichgültigkeit bei den Erwachsenen. Besonders eindrucksvoll gerät Henrike Supiran die Studie der Vater-Tochter-Beziehung, die durch Ablehnung, Willkür und Gewalt gekennzeichnet ist.

"Schlagschatten" ist das beklemmende Psychogramm einer bürgerlichen Familie im Nachkriegsdeutschland.