HENRIKE SUPIRAN

Im Literarischen Verein der Pfalz erschienen:
"Gestern ist morgen heute" · Kurzgeschichte 1998 "Gewitter"

Leseprobe
Die Kleinstadt war neu und fremd für Lea und sie würde es auch bleiben; fremd zumindest, denn sie hatte es satt,sich immer wieder an eine neue Umgebung zu gewöhnen, wie schön sie auch sein mochte. Sie nahm ihren kleinen Sohn fester bei der Hand, um ihn besser ziehen zu können, er trottete ausgesprochen lustlos immer einen halben Schritt hinter ihr her. "Nun mach schon, Maxl, sei nicht so faul," ihre Stimme sollte aufmunternd klingen, hörte sich aber eher ärgerlich an; ihre Laune übertrug sich auf das Kind, sie wußte das, fühlte sich aber außerstande, es zu ändern. Dieses Zigeunerleben, dachte sie, alle zwei bis drei Jahre ein Ortswechsel.Welcher Mann würde  das mitmachen lassen, wenn der Beruf der Frau es erforderte? Ein solcher Fall war ihr jedenfalls nicht bekannt. Wahrscheinlich gibt es aber viele, die das gleiche Leben führen wie ich, dachte Lea und fühlte sich unvermittelt verbunden mit all den vielen Unbekannten, die ihr Leben nach dem Beruf ihrer Männer ausrichten müßen. (...)

 

"Von wegen" · Kurzgeschichte 2005 "Verfallen"

Leseprobe
Tante Hilda. Sie tat alles zum Wohl der Anderen. Oder doch nicht? Vor einem Jahr habe ich sie beerdigt. Zu meinem Erstaunen ist bis heute die große Trauer jedoch ausgeblieben, obwohl ich mein ganzes Leben mit ihr verbracht hatte. Sie war an die Stelle meiner Mutter getreten, die an einer geheimnisvollen Krankheit starb als ich kaum sechs Jahre alt war. Natürlich habe ich auch einen Vater, der bis heute mit einer anderen Frau glücklich verheiratet ist und aus dieser Ehe zwei erwachsene Töchter hat. Wir verstehen uns, aber wir lieben uns nicht. Tante Hilda war die Schwester meiner Mutter und für mich ein Glücksfall. Wer weiß wie es mir ergangen wäre, hätte mir mein Vater seine zweite Frau als meine neue Mutter präsentiert, eine Stiefmutter also, die, wie ich damals aus Märchen wusste, kein Glücksfall bedeutet. Gleichwohl, sie ist sehr nett, hat mir nichts weggenommen, was ich als mein Eigentum betrachtet hätte. Mein Vater stand mir schon damals nicht nahe. Tante Hilda, meine Ersatzmutter aber sehr wohl. Sie nahm mich ohne Zögern und ohne Vorbehalte an, was für mich heute an ein kleines Wunder grenzt, denn alles Lebendige, wofür sie hätte Verantwortung tragen müssen, war ihr lästig: Kinder, Haustiere oder auch Pflanzen. Topfpflanzen hatten bei ihr nur eine geringe Überlebenschance. (...)